Sachen gibt’s, die gibt’s garnicht. Der Reihe nach, Wochenende:
Kartoffelpü sollte es werden. Aber es waren keine Kartoffeln mehr da. Vergangene Woche sah ich bei Netto in der Bergmannstraße die Ankündigung, dass sie Sonntagsöffnung (04.10.2009) haben. Folgerichtig nahm ich an, dass der Kaiser’s nebenan höchstwahrscheinlich ebenfalls geöffnet ist. Es war 20 vor 6 abends. Wenn die nicht eh schon um 17 Uhr schlossen, dann tun sie das sicherlich bis 18 Uhr. Also bin ich los.
Im Innenhof wurde ich von der nervigen Hauswartin abgefangen, welche an den paar Blümchen herumfingerte, unserem “Garten”, für den alle Hausbewohner ordentlich blechen dürfen. Die Geschichte kannte ich schon. Es war ihr altes Fahrrad aus dem Ständer ganz links geklaut worden. Verschlossen war’s nicht. Von mir wollte sie, um den Tatzeitpunkt einzugrenzen, wissen, wann ich am Vortag wiedergekam, weil mein Rad danebenstand und ich doch, wenn ihres bereits weggewesen wäre, den Ständer benutzt hätte. Wie auch immer, das meint sie, sie ist doof. Nebenbei wäre im Vorderhaus gezündelt worden, aha.
Ich vermochte mich schließlich loszureißen, nahm die Möckernstraße, bog links in die Kreuzbergstraße ab, fuhr über den Mehringdamm und schon war ich da, an meinem Ziel, fast, so gut wie, wenn nicht …
… ja wenn da nicht dieser Vollidiot gewesen wäre, boahr, so ein verdammter Depp! Rechts wollte ich halten, vor einer Einfahrt, in der Lücke zwischen den parkenden Autos, Bergmannstraße 4. Obwohl ich mich auf der Straße eh schon rechts hielt, guckte ich kurz nach hinten. Weil manchmal gibt es tatsächlich solche Vollspacken, die garnichts checken. – Himmel hilf, es war einer dieser Tage gewesen. Da war so ein Exemplar. Die Optionen: Entweder wacht der Seggel auf und überholt mich einfach (wie in Deutschland üblich) links oder er pennt weiter, ich schneide seine Ideallinie und es kommt zum Zusammenstoß. Ich wählte die dritte Möglichkeit und fuhr weiter. Abbiegen konnte ich ja immer noch, nachdem ich den Heini los geworden bin.
Was nun folgte, war recht skurril. Der Typ machte nämlich plötzlich einen Salto vorwärts, sprich der musste wohl so heftig in die Eisen gegangen sein, dass sein Rad zwar stand, er aber offensichtlich die Fliehkräfte nicht berücksichtigt hatte. Das war wahrlich kein schöner Anblick, denn ihn packte es wortwörtlich auf die Fr#sse.
Es war Sonntag, der 4. Oktober 2009, als ich auf der Bergmannstraße vom Mehringdamm in Richtung Marheinekeplatz langradelte.
Gegen 17:45 Uhr signalisierte ich via Handzeichen kurz vor Kaiser’s in die Parklücke zu der Einfahrt der Bergmannstraße 4 abbiegen bzw. halten zu wollen. Bei einem Schulterblick rechts erkannte ich jedoch einen Fahrradfahrer etwa sechs Meter hinter mir, welcher zum einen sehr zügig unterwegs zu sein schien, andererseits meine geringe Geschwindkeit offensichtlich nicht bemerkt bzw. schlicht ignoriert hatte. Zudem machte es den Anschein, als hätte er seine Ideallinie zwischen den parkenden Autos und dem vorausfahrenden Fahrradfahrer, also mir, gefunden und/oder wollte mich rechts überholen.
Da ich aufgrund der beschriebenen Umstände an der Aufmerksamkeit des fremden Fahrradfahrers zweifelte, fuhr ich statt Abzubiegen weiter geradeaus, vermochte aber noch zu beobachten wie sich eben der überschlug. Vermutlich tat er dies, weil sein Vorderrad blockierte. Dies wiederum könnte daran gelegen haben, dass er seine Vorderbremse betätigt hatte, ohne die Bremswirkung derselben einschätzen zu können. Gebremst haben dürfte er mutmaßlich, vielleicht, weil er zu spät meine Absicht erkannt hatte abzubiegen.
Selbstverständlich ist es auch einfach möglich, dass sein Fahrrad irgendeinen Defekt aufwies und er überhaupt nicht auf mein Handzeichen reagiert hatte. Niemals kam oder wäre es zu einer Kollision gekommen. Es lag bis zum Sturz mindestens eine Autolänge Abstand zwischen mir und dem anderen Fahrradfahrer.
Nachdem er, der Fahrradfahrer mit Jeansjacke, Rucksack und blauem Rennrad, gestürzt war, stellte ich mein Fahrrad ab und ging zu ihm. Er nahm dann so etwas wie eine Zahnprothese, ein Gebiss, aus dem Mund. Da er unter der Nase blutete und ich nicht einzuschätzen vermochte, ob er sonst noch zu Schaden gekommen war, fragte ich, ob er einen Krankenwagen benötige, was er bejahte. Daher wählte ich gegen 17:48 Uhr die Rufnummer der Feuerwehr.
Nebenbei merkte er an, dass er sich eventuell den Ellbogen gebrochen habe, selbständig sei und einen Termin in zwei Tagen habe. Von Passanten bekam er ein Taschentuch gereicht. Sein Fahrrad schloss er mit einem Bügelschloss an dem Gerüst vor der Bergmannstraße 4 ab.Nachdem der RTW eingetroffen war und ich weitere zehn Minuten gewartet hatte, war für mich die Sache erledigt und ich fuhr weiter.
05.10.2009 11:34
Update 16.10.2009 02:06
Überarbeitete Version in der Fortsetzung.
Ende? Nein! Der Typ wollte meinen Namen wissen, sozusagen weil ich Schuld sein, denn wegen mir hätte er bremsen müssen. Hakt’s oder was?! Weil diese Pfeife zu dämlich zum Fahrradfahren ist, will’er die Schuld auf mich abwälzen – was ein Spinner. Die Polizei wäre eh verständigt, wie bei jedem Unfall, meinte der Sani. Irgendwann, den Typ hatten’se längst auf die Trage und in den Rettungswagen verfrachtet, hatte ich keinen Bock mehr auf den St. Nimmerleinstag zu warten und bin heim. Mit den Kartoffeln war’s dann natürlich auch Essig, weil mich Netto und Kaiser’s nicht mehr reinließen. Vielen Dank auch.
Das hat man also davon. Aber jetzt weiß ich’s besser: Das nächste Mal, wenn einer blutend auf der Straße liegt, so what, mir doch sch#ißegal, soll’er doch verrecken.
Später (20:12) meldete sich die Polizei telefonisch, um nachfragen, was da passiert sei. Den Typ könnten sie wohl nicht befragen, weil’se ihn aufgrund eines Knochenbruchs narkosetechnisch abgeschossen hatten und ich sonst der einzige Zeuge sei.
Ich glaube ja immer an das Schlechteste am Menschen. Deshalb gehe ich davon aus, dass diese Geschichte hier noch nicht zu ende ist.
Update 15.10.2009 14:40
War ja klar, Post vom Polizeipräsidenten.
Sehr geehrter Herr [...],
nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen wird gegen Sie folgende Beschuldigung erhoben.
Beschuldigung Sie bogen als Radfahrer nacht rechts ab, ohne sich vorher ordnungsgemäß eingeordnet zu haben. In der Folge musste der am äußersten rechten Fahrbandrand, in gleicher Richtung fahrende Radfahrer Herr Broszat stark abbremsen um eine Kollision zu verhindern, woraufhin er zu Boden stürzte und sich schwer verletzte. Sie haben somit diese Körperverletzung fahrlässig herbeigeführt. Nach HInterlasung ihrer Telefonnummer bei der Berliner Feuerwehr, entfernten sie sich den Umständen nach unerlaubt vom Unfallort.
Tatzeit Sonntag, 4. Oktober 2009 um 18:00 Uhr
Tatort 10961 Berlin, Bergmannstr. Nr.4
Zuwiderhandlung §§ 142,229 StGB, §§ 1(2), 34(1), 9 (1), 49 StVO
Update 16.10.2009 02:07
Update 06.02.2010 14:27
Lange hörte und las ich nichts mehr in dieser Angelegenheit, so dass ich davon ausging, dass sich die Sache erledigt hat, auch wenn ich bislang kein Schreiben betreffend der Verfahrenseinstellung von der Staatsanwaltschaft oder der Polizei erhalten habe. – Wie ich heute hatte sah, is’es wohl doch noch nicht gänzlich vorüber. Trotzdem, ich mache mir darüber nicht wirklich ‘n Kopf, warum auch.


Praktisch gesehen ists doch so, dass der Hintermann immer Schuld ist.
Ist doch bei bremsenden Autos das selbe.
Vordermann bremst, Hintermann begattet das bremsende Auto mit dem seinen und bleibt, aufgrund mangelhafter Reaktion, auf dem Schaden sitzen.
Übrigens: Wer mit dem Vorderrad bremst – wobei klar sein dürfte, dass aufgrund der körperlichen Trägheit der Körper einen Salto über den Lenker macht – ist auch selbst schuld. Vor allem bei erhöhter Geschwindigkeit.
Durfte ich als kleines Kind auch lernen, als ich aus Angst mit der Vorderbremse gebremst habe und es mich hingehauen hat.
Mr. Selbstständig hat da wohl im Physikunterricht nicht aufgepasst.
2009-10-06 13:22 · Kommentar by Kiri
Klar ist das nervig – und sorry, wenn ich mehrfach grinsen musste als ich den Artikel las. Der trockene Schreibstil steht in einem genialen Verhältnis zu den tatsächlichen Vorkommnissen.
Der Text im Blockquote war deine (spätere) Polizeiaussage? So kam das für mich rüber. Wie auch immer: Deine STory ist herrlich zu lesen – und irgendwie hab ich auch das Gefühl, dass die Story noch nicht vorbei ist. Wenn der narkotisierte Typ schon so anfängt, kann es gut sein, dass er da was durchsetzen möchte. Leider kenne ich solche Typen nur allzu gut.
2009-10-06 16:47 · Kommentar by plerzelwupp