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Psychiatrie live

Null Kommentare Archivist • Montag, 2. Mai 2005 000 Uhr

Sehr früh morgens, wir sitzen in unserem Dienstzimmer, die Tür auf den Flur offen wie immer. Eine halbe Stunde vorher hatten wir einen jungen Mann aufgenommen gehabt, welcher sich in einer Kneipe ein Bierglas in den Kopf gerammt hatte und offensichtlich unter Drogen stand. Er war vom Ordnungsamt auf die geschlossene Aufnahmestation 10 A der Rheinischen Kliniken Düsseldorf zur Krisenintervention gebracht worden. Aufgedreht war der, sehr getrieben. Da er seine Mutter anrufen wollte hatte ich ihm noch Geld gewechselt. "Ich krieg’ Euch, Ich schlag’ Euch tot, mach’ Euch fertig…!", tönte es jetzt über den Flur aus Richtung des Münzfernsprechers. Der Ruhestörung nachgehend sah ich ihn uns entgegenkommen, den abgerissenen Telefonhörer umherschwingend. Tür zu war die erste Reaktion, verbal war er nicht zu beruhigen, warf die Getränkekannen auf dem Flur umher, schlug auf die Tür ein, dann öffnete ich. Ingo, ein stämmiger Pfleger, war durch die Tür des angrenzenden Raumes auf den Flur getreten und hatte den Randalierer schon im Griff. Der Rest war Routine, Fixierbett geholt, festgemacht, Arzt vom Dienst gerufen.

Ich blicke zurück. Ich wußte im Grunde was mich erwartete, psychisch kranke Menschen, Gute und Schlechte, und Sozialschmarotzer, solche die den Aufnahmearzt mit einer Suizidandrohung erpressen um aufgenommen zu werden. Und dazu noch ein paar forensische Patienten, denen gerecht- oder auch ungerechtfertigter Weise ein Gutachter den Aufenthalt im Gefängnis erspart hat, Harmlose aber auch Sexual- und Gewaltstraftäter. Manche kommen freiwillig zu uns, andere werden von JVA-Beamten, der Polizei, dem Ordnungsamt, den Feldjägern, der Betreuung hier herbefördert. Keiner ist umsonst hier, auch nicht das Personal. Ich hatte mir diese Dienststelle ausgesucht gehabt und ich habe es nicht bereut, obwohl ich die Freiheitsberaubung jedes Wehrpflichtigen durch die Bundesregierung Deutschland als Handlung niederster Art betrachte. Ich hatte korrekte krankenpflegerische Kollegen und schönen Alltagsstreß, Langeweile & Action. Bevor ich den Schlüssel ins Schloß drehte.

Morgens, die Nachbarstation über uns ruft an, es würde Rauch nach oben ziehen, kurz darauf geht auch schon der Feuer-Voralarm los, na super, jemand hatte seine Matratze angezündet, kurze Zeit später bekamen wir schon die blauen Lichteffekte der Feuerwehr zu sehen.

Zu anderen ‘Zivis’, wie Zivildienstleistende gerne abwertend bezeichnet werden, hatte ich in der ganzen Zeit nur selten Kontakt, und wenn, dann nur wenn Fritz von der Nachbarstation uns in Notsituationen fähig zur Hand ging. Meist jedoch werden ZDLs nicht für voll genommen, was an dem asozialen kindischen Verhalten Einiger dieser liegt, welche anscheinend nur verweigert haben um eine ruhige Kugel zu schieben, um sich regelmäßig die Kante zu geben und Pfeifchen zu rauchen und weiterhin im ‘Mülleimerlook’ herumlaufen zu können.

Nachmittags, einer der Forensiker hatte sich die Jacke übergezogen, war ziemlich erregt, meinte, er wolle jetzt gehen. Er begab sich an die Tür zum Garten, auf Ansprache des Personals reagierte er rational nicht, schlug auf die Scheibe ein. Er war ein kräftiger Typ, es war keine Zeit auf anderen Stationen nach männlicher Hilfe zu fragen, eine der Zwischentüren wurde geschlossen, die Zweitschwester holte sich dann Amtshilfe bei der Polizei. Als diese eingetroffen war leistete der Patient keinen Widerstand. Normal.

Von der Arbeit her tat ich das, was ich eben machen konnte und durfte, meist dasselbe wie meine Kollegen, wir haben überwiegend eine Wärter- statt Pflegefunktion. Jeder Tag war irgendwie gleich, aber Herausforderungen und Konfliktsituationen waren die Regel, den Betrieb kennenzulernen dauert immer noch an. Das war es gewesen, Tage gab es, da kam man ‘gerädert’ aus dem Dienst, woran der allgemeine Personalmangel gute Schuld dran trägt. Eine unangenehme Patientin hat dies auf den Punkt gebracht: "Dies ist doch eine Nervenheilanstalt, Sie sind da um genervt zu werden!" Aber es gab auch ordentliche Leute mit einem besseren Charakter.

Gegen abend, das Telefon klingelt, eine Schwester von der Station über uns bittet um Unterstützung, im Laufschritt begaben wir uns dorthin, da im Dienstzimmer Chaos. Zwei Pflegekräfte und Ärztin versuchten der gewichtigen hochpsychotischen wahnhaften Patientin Herr zu werden, unter Gegenwehr ging diese dann in die Gurte, die Schwester und der Pfleger mußten nach dieser Aktion einen Arzt aufsuchen, Risiko.

Es gibt da die Stammgäste, die kommen und gehen, kaputte Charaktere, welche ein meiner Meinung nach nutzloses Leben führen, immer dasselbe Theater. Andere reißen sich am Riemen, raffen sich auf und setzen Ihre Medikamente nicht einfach ab und führen ihr Leben anständig weiter. Diese Damen und Herren zu sehen, wenn Sie entlassen werden, im Hinterkopf der Gedanke wie sie bei Aufnahme drauf waren, das gibt einem ein positives Gefühl. Das ist das Leben hautnah, die Gesellschaft direkt, die Einen schaffen es, Andere versagen. Das ist einerseits traurig, andererseits härtet es ab. Die Arbeit auf einer geschlossenen Station der Psychiatrie ist anders wie auf jeder anderen Station einer anderen Klinik. Und wenn Du da ein Typ selben Alters hast, der an der Nadel hängt oder ein hübsches Mädchen, einen Monat jünger als Du selbst, welches einen Suizidversuch hinter sich hat, dann versucht Du am besten nicht darüber nachzudenken und Distanz zu wahren bevor es Dich permanent belastet. Es ist ein ganz anderer Umgang, das eigene Einschätzungsvermögen ist täglich gefragt, keine schwierige Situation kündigt sich an, ob ich mich freundlich mit dem einen Patient unterhalte oder ich den anderen Patient schon verbal anfahre bevor der den Mund aufgemacht hat, das ist Menschenkenntnis und gerechtfertigtes Verhalten und in gewisser Hinsicht Therapie.

Es ist Mittag, ich habe gerade zum Spätdienst die Station betreten, unruhig ist es, ein aggressiver forensischer Patient belästigt ständig Pflegepersonal und Stationsärzte, spricht Gewaltandrohungen und Beschimpfungen aus, verweigert Beruhigungsmedikation. Als er dann unserer Stationsleitung den Medikamentenbecher aus der Hand schlägt, geht es recht schnell, vom Personal auf den Boden geworfen wird ihm die Schließacht angelegt bis das Bett bereit steht. Meine Kollegen erhalten ein paar Mark Gefahrenzuschlag.

Wahnsinn. Hier kommt Alles zusammen, Leute die aufgrund von Belastung mal ‘austicken’, Leute, die denken sie müßten nackt auf der Kreuzung stehend den Verkehr regeln, Leute, die im Leben nicht klar kommen, ‘mal von der Brücke springen oder sich anritzen, Junkies, Alkies, Leute aus allen Gesellschaftsschichten, Leute vom Haus nebenan. Die Krankheit nimmt keine Rücksicht auf Niemand, Verbrecher oder Polizist, wir heißen sie alle willkommen! Irgendwie lustig, aber ernst, das ist das Leben.

- 1999 -

 
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